Samhain in Helvegen

Der erste Schnee lag auf den Fjorden und Boten hatten zum Fest ins Thorvaldsland eingeladen. Für den Süden waren die Gebräuche des Nordens immer sehr fremd, denn im Norden glaubte man an Götter und man betrieb einen unglaublichen Ahnenkult. Jeder Krieger und jedes Weib hofften darauf, dass die Tafel in Walhalla auch für sie gedeckt würden, wenn sie eines Tages diesen Teil des Lebens hinter sich lassen. Nach den vielen Jahren fühlte sich Tara noch immer zerrissen zwischen den Welten, obwohl sie längst wissen sollte, wohin sie gehört.

Als sie die Kunde vernahm, dass man von Belnend pünktlich aufbrechen wollte, um Samhain in Helvegen zu verbringen, begann sie geschäftig, auf diesen Tag hinzuarbeiten. Tara war sich gar nicht sicher, ob der Commander überhaupt so richtig wusste, was für ein Fest ihn in Wirklichkeit zu Samhain erwartete. Diesmal würde sie also auf einem Runenberg und nicht in ihrer Hütte sein zu Samhain, dem Fest, an dem die Anderswelt weit offensteht, die Vergangenheit und die Gegenwart sich verbinden und die Geister der Ahnen die flammende Regenbogenbrücke Bifröst ins Reich der Menschen überqueren. Sie wollte unbedingt ihrer Mutter ein Geschenk übergeben und um Ehre und Schutz bitten. Das Jahr beginnt mit Samhain, dem Anfang des Winters, denn der keltische Kalender kannte nur Winter und Sommer. Samhain ist von seiner Funktion her in erster Linie Toten– und Ahnenfest. In zweiter Linie, stellt Samhain das Fest der Krieger und des Alls dar.

Ihre Mutter hatte zu frühester Kindheit in sie die Hoffnungen, dass ihre Tochter Traditionen und Bräuche aber auch den Respekt vor den Göttern und Ahnen bewahren wurde, gepflanzt. Es war ein kleiner Samen, der nun in einem Haus in Belnend als Saat aufging. Tara hatte sich ein paar Ähren besorgt, die noch in Puppen auf den Feldern gestanden hatten. Für ein paar Tage zog sie sich in ihre gemütliche Behausung zurück und begann mit den Gaben des Herbstes einen Kranz zu flechten. Die Ähren verwob sie mit ein paar Blütenranken und verband diese mit einem Runenamulett. In die kleine Holzscheibe aus Eschenholz war die Rune Wunjo geschnitzt. Mit Bedacht hatte sie die Rune Wunjo ausgewählt. Man hatte ihr einst gesagt, dass diese Rune Glück bedeutete und für Ausgewogenheit und Harmonie stand. Vielleicht war genau das der Wunsch, den sie selbst mit ihrer Gabe tatsächlich verband.

Arcturus der Runenpriester und seine Sklavin Sia beschworen auf dem Runenberg zu Helvegen die Ahnen, das Jahr glücklich beginnen zu lassen. Tara spürte hier oben auf dem Runenberg eine tiefe Verbundenheit. Es war ein Gefühl, welches sie zuletzt auf dem Runenberg von Fensalir hatte, als sie die Gefährtin eines Nordmannes wurde. Während die Gesänge und Zwiegespräche des Runenpriesters den Berg mit dieser unglaublichen Kraft füllten, blickte Tara immer wieder auf ihr Leben zurück und in das lächelnde Gesicht ihrer Mutter. Es war ganz so, als würde sie ihrer Tochter Mut zusprechen für alle Entscheidungen, die sie vom heutigen Abend an, treffen würde.

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Nachdem alle Gaben in der Truhe abgelegt waren, begab man sich gemeinsam an eine festlich gedeckte Tafel in der Hall zu Helvegen. Das Langhaus war warm und gemütlich. Die Feuer brannten und das Essen duftete herrlich. Es war der Duft von Kindheitserinnerungen nach frisch gebratenem Wild und Süßigkeiten. Für die Kinder des Dorfes dürften Pudding, Kuchen und Schokoladenlarma der Höhepunkt des Abends gewesen sein.

Irgendwann erhob sich Tara und begann leise und mit sanfter Stimme einen uralten Text, den sie einst von ihrer Mutter gelernt hatte zu singen. Als sie den Gesang beendet hatte, ließ sie sich wieder auf ihrem Platz nieder und nahm einen erneuten Schluck aus dem Methorn. Es war das Lied „Götter des Lebens, mein Gruß an euch.“ Kein Wunder, dass der Dorfjarl sie ansprach, warum sie, ein Südweib einen solchen Text kannte. Sigurds Worte „eines Tages wirst du dich vielleicht entscheiden müssen, Wurzeln können immer nur in einem Boden stecken, ein Baum der seine Wurzeln in losen Boden schlägt wird einem Sturm nicht standhalten“, machten Tara einmal mehr bewusst, dass für sie eines Tages ganz sicher ein Tag der Entscheidung bevorstehen würde.

Die Zeit im Norden schritt schneller voran, als Tara gedacht hatte und die Abreise fiel ihr schwerer, als sie je zugeben würde.

„Heil und Ehre den Ahnen!“

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Eingeordnet unter November 2017

Endet die Reise, beginnt das Angekommensein.

Tara hatte sich den Bau der neuen Hall ein paar Tage lang angesehen. Noch immer konnte sie nicht abschätzen, ob es sich um Freund oder Feind handelte, der sich hier in ihrer Nachbarschaft niederlassen wollte.  So recht wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, zumal Tyr, ihr halbwüchsiger Sohn seine Aktionskreise immer weiter zog. Er hatte genug Dummheiten im Kopf, um den neuen Nachbarn zu verraten, dass diese nicht allein hier waren.

Kurzerhand beschloss Tara, dass es für Tyr Zeit wurde, den Ernst des Lebens zu erlernen, nachdem er ein gutes Stück Kindheit ohne Mauern einer Stadt und ohne städtische Gesetze erleben durfte. Tara packte die Sachen für sich und ihren Sohn, verließ das Haus und warb am nächsten Hafen, der gut eine Hand Fußmarsch entfernt war, Söldner an, die sie sicher nach Laura brachten. In Laura angekommen, konnten Tyr und sie ein paar tage ausruhen. Letztlich verabschiedete sich Tara tränenreich von ihrem Sohn, den sie für die weitere Erziehung ihrem Bruder und seinem Sklavenhaus überließ. Dann bestieg sie erneut das Schiff und ging in Belnend an Land, um sich dort mit Vorräten für den Winter einzudecken.

In den ersten Tagen in der Herberge war es wie verhext, denn die Händlerin Lady Ronja lag verletzt und am Bein operiert in der Heilerei und war zu keinem Handel in der Lage. Bewegung würde ihre Rekonvaleszenz gefährden. Inzwischen hatte Tara, ganz unabhängig von allen Zwängen, ein paar Bewohner kennenlernen können und kurzerhand entschieden, dass es sich bestimmt in einer Stadt wie dieser gut überwintern lässt. Tara mietete ein Haus, kaufte ein paar Möbel und ließ ihre Truhen von Bord bringen. Sie richtete sich häuslich ein und harrte der Dinge, die dieses neue Leben mit sich brachten. Beinahe war schon wieder ein wenig Routine eingetreten.

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Eingeordnet unter Oktober 2017

Eine Hall in der Nachbarschaft

Tara hatte das Leben angenommen, welchen die Götter oder die Priesterkönige oder wer auch immer für sie vorgesehen hatten. Maekyr hatte sein Werk vollendet, ihr und ihrem Sohn Tyr eine Hütte an sicherer Stelle gebaut und letztlich war er seiner Unruhe folgend wieder weitergereist. Für einen Wimpernschlag hatte sie zu ihm gehört. Es gab nichts mehr zu sagen, nichts zu tun. Schön längst hatte Tara das Warten aufgegeben. Letztlich hatte sie genug zu tun. Da war ihr Leben und das Leben Tyrs, welches sie gut vorbereiten wollte. Sie lehrte ihren Sohn die Natur zu ehren, Tiere nur zu töten, wenn man sie auch verzehren wollte und sorgte mit Beeren, Kräutern und ein paar Dingen, die sie anbaute für einige Umläufe für Sicherheit und Sorglosigkeit.

Eines Tages erwachte sie in aller Herrgottsfrühe Bäume wurden gefällt. Sie konnte die Äxte hören, die sich mit aller Macht in die Stämme der alten Bäume fraßen. Sie trat vor die Tür und hob den Kopf, der Wind brachte Rauch zu ihr hinüber. Tyr bekam Anweisungen, sich in ihrer Schutzhöhle zu verstecken und zu warten, bis sie zurück sei. Tara gab ihrem Sohn seinen kleinen Bogen und ein Dagger. Er war ein Halbwüchsiger, vor dessen Bogen man wohl kaum Angst zu haben brauchte, doch er war flink und geschickt im Fallen stellen. Er nahm das vorbereitete Proviant und versteckte sich. Erst jetzt brach Tara, gekleidet wie ein Fallensteller ins Dickicht auf, um herauszufinden, wer ihren Wald unsicher machte.

Sie kannte die Banner, die am Feuer aufgebaut waren und schlich zurück. Ein paar Tage, Hand und schlaflose Nächte vergingen. Tara hatte seit einigen Märkten kaum Menschen gesehen, geschweige mit jemandem anderes geredet, als mit ihrem Sohn. Aber bald würde der erste Schnee fallen und menschliche Nähe konnte auch Schutz und Sicherheit bedeuten. Tyr wurde letztlich in den Entscheidungsprozess eingebunden und nach seiner Meinung gefragt. Wollte sie es wagen und sich tatsächlich wieder mit der Welt vereinen, die sie so lange schon vergessen hatte. Vielleicht würde sie einen Versuch unternehmen und sich mit ihrem Sohn der langsam wachsenden Halle nähern, um zu sehen, ob man unter diesen Menschen leben konnte. Morgen würde sie es vielleicht schon wagen… Vielleicht morgen schon. Träge fielen die Augenlider über ihre müden Augen und Tränen rollten über die Wangen. Sie konnte hoffen, die Last dieses Lebens nicht mehr allein tragen zu müssen. Hoffen, dass sie einen neuen Clan udn somit eine neue Familie finden würde…

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Eingeordnet unter Oktober 2017

Ich freue mich auf die erste Reise mit meinem Sohn

Der Tag erwachte aus einer ruhigen Nacht. Maekyr schläft noch in der kleinen Hütte und so schnappe ich mir unseren kleinen Sohn, der schon längst erwacht ist und in seiner Wiege vor sich hin quietscht, um sich zu beschäftigen. Ich habe ein leichtes Frühstück vorbereitet und gehe mit meinem Picknickkorb vor die Tür. Im Schatten eines der hohen Bäume breite ich unsere Decke aus und schaffe für meinen Sohn und mich ein gemütliches Fleckchen für ein nettes Picknick. Als der kleine Krieger satt und zufrieden ist, lege ich ihn vor mir ab und beginne meinen Tee zu schlürfen. Es ist so friedlich, dass ich die Stimmen jedes einzelnen Vogels in den Bäumen erkennen kann. Die Sonne lugt durch die hohen Baumwipfel und Tyr spielt mit den wärmenden Strahlen, die auf sein Gesichtchen fallen. Er blinzelt und strahlt über beide Backen. Als ich meinen Sohn betrachte fällt mir auf, dass er schon wieder gewachsen ist. Die Zeit vergeht so rasend schnell. Ich schaue eine Ihn nicht hin und schwups hat er sich auf den Bauch gedreht und hebt seinen Kopf. Er stützt sich auf den kleinen Armen ab, so lange es seine Kräfte zulassen und legt sich wieder hin. Kurz darauf hebt er den Kopf erneut. Auch seinen Daumen hat er inzwischen entdeckt und schiebt ihn tastend in seinen Mund. Die ersten Zähnchen werden wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

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Ich lausche in die Hütte, doch dort ist es noch ruhig. Ich sehe meinen Gefährten vor meinem inneren Auge, während ich anfange für meinen Sohn Lieder über die Götter zu singen:

 

„Götter des Lebens, mein Gruß an euch.
Götter des Herzens, mein Heil an euch.
Götter der Seele, mein Preis an euch.
Götter der Menschen, mein Dank an euch.

Frey, gib uns Frieden und ein gutes Jahr.
Thor, verleih Stärke, sei immer da.
Njörd, gewähr uns Wohlstand und Glück.
Eira, bring Heilung unsrem Geschick

Tyr, lehre uns standhaft zu sein.
Sif, laß unsere Ernte gedeihn.
Frigga, schenk uns Frieden am Herd.
Heimdall, lehr uns der Wachsamkeit Wert.

Odin, laß uns Verborgenes sehn.
Skadi, lehr uns alleine zu stehn.
Gerd, bring des Lebens Garten zum Blühn.
Freya, laß unsre Liebe erglühn.

Götter, begleitet uns auf unsrem Weg.
Gebt uns Schutz auf Pfad und auf Steg.
Hört uns ihr Hohen, euch singen wir:
Asen und Vanen, gegrüßt seid ihr.“

 

Einen besseren Vater kann ich mir für unseren Sohn kaum vorstellen. Er hört sogar hin und wieder auf mich. Vor allem, wenn es um die Ernährung und die Gesundheit seines Sohnes geht. Maekyr ist ruhiger geworden. Überlegter und besonnener. Er denkt in einer Vaterkategorie, die ich ihm nie zugetraut hatte, ohne etwas von seinem Temperament und seiner Kraft eingebüßt zu haben. Möglich wäre, dass Tyr ihn hat erwachsener werden lassen. Der Kleine spielt mit meinen Fingern, die ich ihm hinstrecke und hebt seinen Kopf höher und höher an. Es ist wohl langsam so weit, dass er mehr sehen möchte, als mein lächelndes Gesicht. Er ist wach und neugierig auf die Umgebung in der er heranwächst. Seine Augen folgen den Geräuschen und dem Licht. Tyr zeigt mir jeden Tag, dass es ihm gut geht und dass er sich wohl fühlt. Maekyr und ich haben für unsere Familie die richtige Entscheidung getroffen. Trotzdem können wir nicht immer nur in der Abgeschiedenheit leben. Tyr muss auch andere Orte und Gegenden kennenlernen. So haben wir denn auch beschlossen, ihn so oft als möglich mit auf unsere Reisen zu nehmen. Die nächste Reise wird uns in die alte Heimat, nach En’Kara bringen. Dort auf der Insel im Süden kann man gute Waren kaufen und vielen Händlern begegnen. Das will ich ausnutzen, um unsere Vorräte aufzufüllen. Auf dem Rückweg werde ich meinen Bruder besuchen und ihm seinen Neffen vorstellen.

 

Flagari wird mich dieses Mal nicht begleiten. Die Trennung wird ihm schwer fallen. Ich glaube er hat sich in seinen kleinen Jarl verguckt, denn er kümmert sich liebevoll um ihn. Wir haben ein paar Felder angelegt, um für ein paar Wintervorräte selbst zu sorgen. In der Höhle herrscht ein angenehmes Klima, so dass sie ein hervorragendes Lager darstellt und uns sehr nützlich sein wird. Ich werde ein paar Reisevorbereitungen treffen und dann in ein paar Tagen unser schnelles Schiff besteigen, um Vorräte zu kaufen, Vergangenheit zu besuchen (denn ich bin sicher, dass in En’Kara alles beim Alten und doch alles neu sein wird) und ich will nach Hrimthur, wo ich mich kürzlich sehr wohl gefühlt habe, als Gast im Schosse eines nordischen Clans.

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Eingeordnet unter Juni 2013

Blitz und Donner hielten Wache bei seiner Geburt…

Der Bau der kleinen Hütte, die unser zu Hause werden sollte, ging Stück für Stück voran. Nayla war von ihrer Erkundungstour noch immer nicht zurückgekommen und so langsam machte ich mir Sorgen um das Mädchen meines Gefährten. Maekyr und Flagari fällten Bäume und bauten Stück für Stück an der Hütte. Seit der Abreise aus Kassau, wo wir uns mit ausreichend Proviant eingedeckt hatten, war mein Thrall Flagari nur selten von meiner Seite gewichen. Er schien meine Sorge, bezüglich der bevorstehenden Geburt zu spüren. Auch, wenn ich nicht darüber sprach. Oft begleitete er mich zu leichten Spaziergängen am Wasser entlang oder die seichten Hügel hinauf. Dabei lief er schweigend neben mir her und beobachtete mich. Der kleine Bewohner nahm mir mehr und mehr die Luft zum Atmen und so wurden meine Spaziergänge immer kürzer. Eigentlich überlegte ich, ob ich mich nicht zu Mia auf den Weg machen sollte, um den kleinen Bewohner in der Sicherheit und Obhut einer ausgebildeten Heilerin zur Welt zu bringen. Doch ich wusste, dass es dafür zu spät war. Mein Bauch hatte sich gesenkt und ich hatte Flagari angewiesen dafür zu sorgen, dass immer heißes Wasser da war. In den ruhigen Minuten des Tages versuchte ich der Logik folgend, Flagari vorzubereiten, damit er mir bei der Geburt helfen konnte.

 

Maekyr war auf die Jagd gegangen als die Abenddämmerung hereinbrach. Am Morgen wollte er zurück sein. Es war die Nacht vom 1. auf den 2. Tag der 4. Hand im Monat En’Kara im Jahre 10009 Contasta Germania Gor. Flagari und ich hatten uns in der Höhle zur Ruhe begeben, als es in der Ferne zu donnern begann. Es war tiefschwarze Nacht. Der Wind heulte um die Höhle herum und ich konnte den Niederschlag auf den Felsen hören, der mit lautem Platschen auf den grünen, Moos bewachsenen Boden und den Felsen der Höhle fiel. Ich öffnete meine Augen und starrte in die Finsternis, die durch das helle Zucken von Blitzen am Eingang der Höhle unterbrochen wurde. Plötzlich spürte ich diesen unglaublichen Schmerz, der sich anfühlte, als würde ich von innen zerrissen werden. Das mussten die Geburtswehen sein. Mein Schrei hallte durch die Höhle und weckte Flagari, der mich ängstlich ansah. Ich lag allein in der Einsamkeit des Nordens und lediglich mein Sklave konnte mir helfen. Ich schnaufte und versuchte gegen den Schmerz zu atmen.

 

Meine Anweisungen für Flagari brüllte ich ihm entgegen als schleuderte ich einen Speer auf den armen Kerl. „Wasser, Tücher…es geht los!“ Ein Schnaufen. Dann zerriss mich der Schmerz erneut und mir liefen die Tränen meine Wangen herunter. Schmerzen, die schlimmer waren, als ich es mir jemals ausgemalt hatte, lähmten mich. Ausgerechnet heute musste Maekyr Appetit auf Fleisch haben. Endlos schienen die Ahn, in denen sich der Schmerz hin und wieder beruhigte und mich für ein paar Ehn ruhen ließ. Dann folgte die nächste Wehe. Ich stemmte meine Füsse gegen den Felsen und stütze mich auf die Ellenbogen. Flagari hockte neben mir und ertrug meine Flüche, meine Schmerzensschreie und meine Nägel in seiner Haut voller treusorgender Geduld. Ab und an tupfte er mir mit einem Tuch die Stirn ab. Schmerz und Ruhe wogten hin und her, wie die Wellen des Thassa, die an die Ufer kamen und sich zurückzogen. Ein Gewitter En’Karas wanderte über uns hin und her. Es war als liefe der Kriegergott Thor in der Hall hin und her, direkt über unseren Köpfen und donnerte seinen Schritt auf den  Holzboden. Einige Ahn waren schon vergangen und ich konnte spüren, wie mich langsam aber sicher meine Kräfte verließen. Mein Thrall versuchte seine Aufregung zu verbergen, doch er sprach mit mir. Die ganze Zeit über konnte ich aber nur ein paar wenige Sätze wirklich verstehen. „Du machst das gut, meine Herrin. Nur weiter. Du schaffst das.“

 

Wieder eine Wehe. Der Schmerz war nicht zu beschreiben. Alles tat mir weh und mein Körper zitterte vor Kraftanstrengung. Erneut stemmte ich die Füsse gegen den Felsen und versuchte meinen Oberkörper zu heben. Dann rief Flagari plötzlich: „Herrin, ich kann den Kopf sehen! Nicht nachlassen!“ Es war wie eine Erlösung und ich sammelte meine letzten Kräfte. Ich holte Luft und presste. Voller Neugier versuchte ich mich aufzurichten und starrte zwischen meine Beine. Ich presste mit letzter Kraft. Flagari schob seine Hände auf die untergelegten Tücher und hielt im Morgengrauen meinen kleinen, strammen Jungen, der aus Leibeskräften brüllte in seinen Armen. Ich sank zurück in die Felle. Tränen und Schweiß rannen über mein Gesicht. Ich starrte den nackten, kleinen Kerl im Arm meines Sklaven an. Lachen und weinen, Schmerz und Glück. Scheinbar die ganze Welt konnte ich in diesem einen Moment auf einmal fühlen. Flagari versorgte den kleinen vorbildlich, wie es sich gehörte und sah nach mir. Ich lag müde und den letzten krampfenden Schmerz ertragend auf den Fellen. Keinen Blick ließ ich von meinem Sohn, der alles vergessen machte, als Flagari zu der Schüssel mit dem warmen Wasser ging und begann den Kleinen zu reinigen. Das Gewitter hatte sich die ganze Nacht über unserer Höhle hin und her bewegt. Immer wieder kam es mit Blitz, Donner und heftigem Niederschlag zurück. Thor hatte wohl keine Ruhe in dieser Nacht. So, wie auch ich keine Ruhe gefunden hatte. Flagari machte seine Sache ziemlich gut. Er säuberte das Baby und legte es mir, in frische Tücher gehüllt, in den Arm.

 

Wir waren gerade etwas zur Ruhe gekommen, als ich die patschenden Schritte von Maekyr im morastigen Boden hörte. Ich lachte und weinte. Ich küsste das kleine Köpfchen und sah in die blauen Augen meines Sohnes. Langsam schob sich die drahtig, muskulöse Gestalt Maekyrs in die Höhle. Als er mich mit dem Bündel sah, welches ausgerechnet jetzt zum ersten Mal schwieg, blieb er mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es kam mir vor als stünde er eine Ewigkeit so im Eingang der Höhle. Langsam rutschte das Wild von seiner Schulter. Maekyr kam vorsichtig näher und sein ängstlicher Blick lag auf mir, die ich immer noch lachte und heulte und seinem Sohn, der sich erst einmal nicht rührte.

 

Maekyr hockte sich neben mich und strich mir die klebrigen Haare aus dem Gesicht. Da regte sich das kleine Bündel in meinem Arm. Kaum hatte Maekyr das Zucken der Tücher bemerkt, tippte er mit dem Zeigefinger darauf. Es war, als hätte er einen Knopf gedrückt, denn genau in diesem Moment öffneten sich die kleinen Lippen und sein Sohn brüllte erneut los. Wenn das mal keine Begrüßung für seinen Vater war. Regelrecht ergriffen und beeindruckt sah mich mein Gefährte an. Hatte ich etwa eine Träne in seinen Augen glitzern sehen? Aber nein, das musste das Licht des Feuers gewesen sein!

 

Ich versuchte mich etwas aufzurichten und schob Maekyr das Bündel in den Arm. Ich war zu müde zum Reden und viel zu glücklich über die Ankunft unseres Sohnes. Ich griff nach einem der Tücher, stippte es in das Wasser neben mir und wischte mir über das Gesicht. Maekyr hockte unbewegt neben mir. Als ich ihn ansah, hatte ich den Eindruck, dass sämtliche Farbe aus seinem Gesicht entwichen war. „Atmen großer Krieger. Du musst atmen!“, sagte ich zu ihm, als er tief Luft holte und seine Lungen sich füllten. In ein paar Hand würde ich das Schiff besteigen und versuchen Mia zu treffen, um mich und meinen Sohn gründlich untersuchen zu lassen.

 

Kraftlos sank ich in die Felle zurück. Maekyr gab mir unseren Sohn zurück. Er streckte sich neben uns am Feuer aus und sah seinen Sohn und mich an. Und ich sah die beiden an. Ich war so stolz auf das, was wir für uns erreicht hatten. Maekyrs Sohn und seine Mutter waren erschöpft von der Nacht. Der Kleine war geboren in einer unruhigen Nacht, im Schutz eines Gewitters. Als ich zwischen meinen beiden Männern hin und her sah, spürte ich es deutlich und formulierte es wie eine Frage, die ich an beide zu richten begann. „Tyr wäre doch ein passender Name für einen so lauten kleinen Krieger, der in so einer Nacht geboren wurde. Was meint ihr?“ Ohne noch auf eine Antwort zu warten schlief ich neben meinem Gefährten und unserem noch namenlosen Sohn, völlig erschöpft, am Feuer unserer Höhle ein.

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Eingeordnet unter April 2014

Träume kann man sich nur erfüllen, wenn man sich entschließt, daraus zu erwachen.

Unsere Abreise aus Fensalir war mir wie ein schlechter Scherz vorgekommen. Ich war aus einem dumpfen Schlaf erwacht und hatte den kleinen Bewohner gespürt. Es war, wie Saria sagte. So langsam hatte er immer weniger Platz und konnte sich nicht mehr recht bewegen. So trat er mir in die Rippen, lag auf meiner Blase herum und rumorte, wenn es ihm zu ruhig wurde. In diesen Momenten hatte ich den Gedanken, dass ich den Bauch, wie einen Rücksack vom Rücken nehmen wollte, um ihn einfach an Maekyr weiterzugeben. Schließlich war er der Vater und ein wichtiger Teil des Unternehmens Familie. Jedenfalls hörte ich Stimmen und Geräusche von meinem packenden Gefährten und seiner Sklavin, die sich daran machten, unser Hab und Gut auf das wartende Schiff zu verladen.
Ich stieg vorsichtig die Treppe hinunter und fragte Maekyr, was denn los sei. Seine Antwort war nicht wirklich lang. Er teilte mir mit, dass Vic, Godin und Kräuterweib, einen verletzten Krieger operiert hatte, der daraufhin ins Koma gefallen sei. Als er, Maekyr die Godin darauf befragte, was passiert sei, habe sie ihm dies auch gestanden. Erst später, als Finn und Saria dazugekommen seien, habe sie plötzlich alles geleugnet und die Wunden angeblich nur gesäubert. Dann sei Najla darüber befragt worden, was beinahe angemutet habe, wie ein Verhör. Er hatte daraus geschlossen, dass man ihm in dieser Sache nicht traute. Wie sollte man ihm dann bei wirklich wichtigen Dingen trauen. Für Maekyr sei dies eine Beleidigung. Finn hatte ihn immer als seine „rechte“ Hand betitelt, aber in so einer Sache glaubte man einem Kräuterweib mehr, als ihm. Das Brummen von Maekyrs Stimme fand seinen Resonanzboden in meinem Unterleib und schmerzte mich. Man hätte sich den Krieger doch nur anzusehen brauchen und hätte die laienhaften Nähte bemerkt. Schon daran hätte man sicher erkannt, dass hier kein Heiler am Werk gewesen war. Er murrte mich danach noch voll, dass es genau das sei, was den Norden und den Süden, so unterschiedlich sie auch sind, wieder so gleich macht: alles könnende, alles beherrschende Weiber! Er jedenfalls habe die Nase voll von diesem Unsinn. „Weiber mit Berufen im Norden!“ Dann wurde ich mit leichtem Gepäck aufs Schiff geschickt mit dem Auftrag dort zu warten und für Ordnung zu Sorgen in unseren beiden Kabinen. Ich stiefelte los und schüttelte den Kopf, denn ich wusste, dass nicht mehr viel Zeit bis zur Geburt unseres Kindes vor uns lag.
Wir waren ein paar wenige Tage unterwegs und nahmen in Kassau einiges an Proviant auf. Für ein paar Ahn hatte ich Gelegenheit meinen großen Bruder und seine Familie zu sehen. Ich zeigte ihm mein Tagebuch und er freute sich sichtlich, dass sein Geschenk diesen Verwendungszweck gefunden hatte. Dann reisten wir wieder in den Norden.
Irgendwo zwischen Fensalir und Helmutsport, im Thorvaldsland hatten wir eine Bucht mit klarem Wasser entdeckt. Vom Thassa aus waren Bäume und saftige Wiesen, ein Hügel und etwas Felsiges zu sehen gewesen, was uns neugierig machte. Wir ankerten und gingen an Land. Maekyr hatte die Arme gestreckt und sich umgesehen. Ich konnte es seinem Blick ansehen, dass er hier in der Nähe bleiben wollte. Ganz in der Nähe des Strandes hatte er eine Höhle entdeckt, die wir als erste Behausung für passend empfanden. Wir luden Felle, Proviant und ein paar wichtige Dinge ab und gestalteten uns ein Lager. Das Feuer brannte und ich konnte etwas Essbares zubereiten.
Maekyr und seine Sklavin hatten begonnen Bäume zu fällen, um einen kleinen Steg zu bauen. Es sah tatsächlich aus, als hätte Maekyr einen Plan. Er lief über das Grün und warf ein paar Steine auf das Gras. Als er damit fertig war, holte er mich. Er schritt mit mir den Bereich ab und deutete auf den Boden. „Hier, auf der kleinen Anhöhe wird unsere Hütte stehen. Nicht weit vom Wasser aber soweit, dass wir nicht überflutet werden. Am Steg kann das Schiff ankern. Mehr brauchen wir für unser Leben nicht. Ich habe die Nase voll von verlogenen, intriganten Dorfclans.“ So sollte es also sein.
Seine Sklavin hatte Maekyr inzwischen auf Erkundungstour geschickt. Sie sollte sich orientieren, wo die nächste Siedlung war. Wenn sie eine finden würde – gut. Wenn nicht – war es auch gut. Es war eigenartig. In dem Moment, wo ich von Bord des Schiffes geholt war, wusste ich, dass unser Leben nun hier in der Ruhe des Nordens und ohne weitere Menschen stattfinden würde. Ich war ruhig geworden in den letzten Monaten vielleicht auch länger.
Kassau war mit dem Schiff ein paar Tagesreisen entfernt und wir könnten von dort etwas Saatgut und ein paar Tiere kaufen, die wir hier domestizieren. Maekyr hatte Recht. Was brauchten wir andere, wenn wir uns hatten. Wir genügten uns vollkommen. Unser Sohn würde hier grenzenlose Freiheit erfahren. Ich würde ihn unterrichten und ihm alles beibringen, was ich wusste. Maekyr könnte ihn im Kämpfen und Kartenlesen unterweisen und ihn trainieren. Mehr würde der kleine Krieger nicht benötigen.
Ich saß, sicher gehalten von Maekyrs starken Armen und fühlte mich wohl. Wir saßen in unserem noch nicht vorhandenen Haus, auf der kleinen Anhöhe und betrachteten den schönsten Sonnenuntergang, den wir je gesehen hatte. Mein Herz klopfte zwar, weil ich wohl den Kleinen nur mit Hilfe von Maekyr und seiner Sklavin zur Welt bringen müsste aber Furcht verspürte ich keine. Gemeinsam waren wir stark und schafften doch immer alles.

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Eingeordnet unter April 2015

Langeweile, die einen über das Leben grübeln lässt

Das Ende des Jahres ist herbeigeeilt und hat ein neues Jahr mitgebacht. Wenn ich die Nase in den Wind halte, kitzelt die Sonne En’Karas meine Nase und man kann deutlich das Werden und Wachsen erkennen. Der Schnee ist geschmolzen und kleine zarte Pflänzchen besiedeln den feuchten Boden, der getränkt von der Schneeschmelze, hier und da regelrecht morastig ist. Mein Bauch ist gewachsen und der kleine Bewohner in mir wird bald kräftig genug sein, ohne meinen Körper leben zu können. Ich habe sehr viel Zeit zum Nachdenken, denn man gibt mir nicht wirklich viel Gelegenheit geschäftig zu sein. Ständig und von allen nur denkbaren Leuten höre ich die Worte „Schone dich, du wirst deine Kräfte bald brauchen.“ Aber so einfach ist das nicht, denn im Schongang verkümmern die Muskeln, die ich doch so sehr für meine Kräfte benötigen werde.

Ich liege auf meinem Bett und meine Hand tastet auf dem Fell nach Maekyr. Dieser ist aber nicht da und vergnügt sich mit Sklavin und Dorfjarl vermutlich in der Hall. So starre ich Richtung Dach unserer Hütte und grübel, wobei mir viele unglaubliche Gedanken durch den Kopf schießen. So ähnlich muss es sein, wenn man Kanda genommen hat. Man fühlt sich leicht und hat Gedanken, von denen man selbst nicht wusste, dass man so was denken kann. Manchmal ist es ein einzelnes Wort, was aufblitzt und dann wieder sind es Worte, die auf einen zugerast kommen und in ihrer Abfolge sogar einen Sinn machen. Wie die wärmende Sonne langsam dieses Jahr erweckt, so erwachen in mir Gedanken über das Leben. Über das Werden und Wachsen. Vornehmlich natürlich über den kleinen Bewohner, für den ich noch immer keinen Namen habe. Auch Maekyr hat sich bisher nicht geäußert. Wir werden ihn wohl wirklich ansehen und fühlen müssen, ehe wir wissen, wer er ist.

Vic hat dem kleinen Bewohner die Runen geworfen. Sie meinte, dass da wohl ein kleiner Berserker heranwachsen könnte. Immer wieder streichle ich über den dicken Bauch, in dem der Kleine sicher ruht und murmle wie ein Mantra immer wieder die Worte „Lass mich nicht mehr allzu lange auf dich warten. Ich bin so neugierig auf dich. Ich möchte sehen, wer du bist.“

„Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und seine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. Zu leben bedeutet, jede Minute geboren zu werden. Der Tod tritt ein, wenn die Geburt aufhört.“

*Erich Fromm*

Langsam senkt sich die Dämmerung über das Dorf. Die Sonne hat den Horizont schon längst geküsst und war zischend ins Wasser getaucht. Ich habe lange am Ufer gestanden und nachgedacht. Seit langem habe ich mich nicht mehr so unnütz gefühlt. Es gab nichts zu tun und ich konnte mich voll darauf konzentrieren die Hülle für meinen ungeborenen Sohn zu sein. Als ich völlig in meine Gedanken versunken vor unserer Hütte saß, kam Vic vorbei und hatte zum Glück für meine schweren Gedanken ein paar aufhellende Worte. Mir war klar geworden, dass ich meinen kleinen Bewohner bald mit dieser Welt teilen werde und ich war sicher, dass er sich eines Tages einen Teil dieser Welt erobern würde. Die nächsten Tage werden eine Zeit, in der ich ganz für mich und ihn da sein werde und ich werde beginnen ihm die Lieder der Götter zu singen, damit er weiß, wer über ihn wacht in dieser Zeit des Werdens und Wachsens. Bald wird er meine Aufgabe sein.

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Eingeordnet unter März 2015